Mathematik

Ein Unternehmensberater teilt seine Beobachtungen über einen ihm bekannten Studenten mit mir. Wer nachts um halb drei nach einem ausgiebigen Fest Mathe lernt, ist entweder ein Faulpelz, der am nächsten Tag einen Test schreibt, oder ein wahrhaft freier Geist, sage ich. Beim Sagen frage ich mich, ob ein Fest, das um halb drei endet, überhaupt ein ausgiebiges gewesen sein kann. Werde von der Antwort, einen Test habe es nicht gegeben, abgelenkt und verliebe mich spontan in jenen Unbekannten, der sich mitten in der Nacht aus freien Stücken der Mathematik hingibt. Ich unterhalte mich mit einem Theatermacher über asiatische Nachtische, mit einem Ingenieur über ägyptisches Kino. Weil meine Begleiter schon vor halb drei Schluss machen, keiner tanzen will, muss ich am nächsten Tag wohl oder übel durch den Regen laufen, einen Kilometer nach dem anderen. Irgendwohin muss die gebündelte Energie ja gehen.

Altes Gummi

An Silvester wandere ich mit großen Augen durch den Böllernebel. Durch die Geschützaufbauten, durch die Partygesellschaften, am Fluss entlang. Man schmeißt sich, säuft sich, ballert sich weg. Menschen hängen wie überreife Früchte an Geländern und über Mauern, manche kreischen noch, andere schon nicht mehr. Ein lebendiges Vanitasmotiv, und niemand, mit dem ich mich darüber unterhalten könnte. Keiner scheint sich zu fragen, was er da eigentlich tut. Das Eigentliche interessiert nicht. Nichts ergibt Sinn an dieser Szene. Immerhin versetzt mich die konsequente Sinnlosigkeit in dasselbe Staunen wie tropische Riesenfalter oder plötzliche Wetterumschwünge. Der richtige Moment für eine Zigarette, ich wandere weiter. Wie um die Melodie der Nacht zu unterstreichen, zerfallen mir die Schuhe unter meinen Schritten, altes Gummi löst sich ab und bleibt auf der Straße liegen.

Koirot

Ein koiroter Papierdrache steigt in den Himmel, steil, als habe seine Leine kein Ende. Ich lasse Weihnachten aus. Sonne mich stattdessen im Dachfenster, missbrauche meinen Knetradierer zum Figurenformen. Atme den Geruch von dänischem Tabak ein und von Kurzbüchsenmoos, dessen Grün dem Winter frech ins Gesicht lacht. Trage Sommerhosen, Keilschuhe, sehe der Welt beim Umbruch zu. Werde nicht müde zu beobachten wie das Internet Grenzen durchätzt, die Highspeed-Chemikalie, die Möglichkeitenmaschine. Stöbere im Steam Sale, Parallelwelten, Fluchtparadiese, bin voll halbgarer Ideen und ungeduldig. Mit minimal schlechtem Gewissen, weil ich es wie einen Fiffi behandle, binde ich dem alten Jahr eine bunte Schleife ins Genick. Zum Koirot gesellen sich Rosa und Türkis.